Sabine Grosser (Paderborn)
Der Beitrag gründet auf einem Forschungsprojekt mit dem Arbeitstitel ‚Zeitgenössische Kunst und Erinnerungskultur in Sri Lanka’, das am Fach Kunst der Universität Paderborn angesiedelt ist.
Mit der Untersuchung künstlerischer Arbeiten, die qua Herkunft nicht in einen westlichen europäischen Kulturkontext sondern mit dem Beispiel Sri Lankas aus einem asiatischen Umfeld stammen, versteht sich die Untersuchung als eine Einzelfallstudie innerhalb einer allgemein zu beobachtenden Öffnung des Kunstbetriebes.
Am Beispiel von ausgewählten Künstler/innen aus dem Bereich der Malerei und ihrer Grenzbereiche untersucht sie das Spannungsfeld der Kunstschaffenden zwischen Indigenisierung und Globalisierung/Universalisierung:
– Worauf beziehen sich die Künstler/innen in ihrem Selbstverständnis und in ihrer Arbeit?
– Wo und wie verorten sie ihre Arbeiten?
– Welche Rolle spielen westliche oder eigene visuelle Traditionen?
– Wie fließen interkulturell divergierende visuelle Traditionen in die Bild- und Werkproduktion ein?
Die lokalen Produktionsbedingungen und das Selbstverständnis der Kunstschaffenden im asiatischen, vorwiegend theravada-buddhistisch und (post)kolonial geprägten Umfeld werden dabei berücksichtigt. Als zentrale Themen des lokalen Diskurses um die Jahrtausendwende werden das Verhältnis der Kunst zu Krieg und Gewalt, der Bereich der Erinnerungskultur, die Suche nach der eigenen Identität sowie kunstimmanente Bezugnahmen aufgegriffen.
Die Arbeit beinhaltet einen ausführlichen Methodenteil, in dem bezugnehmend auf Diskurse der Nachbarwissenschaften zentrale Begriffe diskutiert und im Sinne eines Methodenmixes ein Ansatz für einen transkulturellen Umgang mit zeitgenössischer Kunst entwickelt wird.
Neben Bild- und Textdokumenten werden thematisch orientierte Leitfadeninterviews mit den Kunstschaffenden einbezogen, welche deren Selbstkonzepte explorieren, mit dem Ziel eine adäquate Annäherung an die Werke zu ermöglichen und die eigene Wahrnehmung zu reflektieren.
In dem Konferenzbeitrag werde ich meinen Umgang mit dem Werk der fünf Künstler/innen vorstellen, der versucht durch die Verbindung von Künstlerinterviews, Werkanalysen und Kontextualisierung eine multiperspektivische Annäherung im Sinne Wolfgang Welschs zu entwickeln.
Zum Forschungskontext
Eine Entsendung als DAAD Lektorin/Senior Lecturer an die Univ. Kelaniya (Sri Lanka) ermöglichte mir, ergänzt durch zahlreiche Reisen, fünf Jahre Teilgebiete asiatischer Kulturen kennen zu lernen (1997-2002).
Die kulturelle Szene, welche sich in dieser Zeit im Wesentlichen auf Colombo konzentriert, konnte ich im Sinne einer ‚teilnehmenden Beobachtung’ (nach Clifford Geertz) verfolgen. Die so gesammelten Kenntnisse über sri lankische und asiatische Kunst und Kulturen prägen die Konzeption der geplanten Untersuchung, die Formulierung des Themas und die Methodenwahl.
Im Sinne einer zweiten Sozialisation konnte ich meine Rolle in dieser Gesellschaft etablieren und dennoch mit der verbleibenden notwendigen Distance das kulturelle Leben `von Innen heraus beobachten´, erlebte weder einen ausgeprägten Kulturschock, noch bestand die Gefahr `eines going native´. Emische und ethische Perspektiven konnten berücksichtigt werden. Kontakte zur Kunstszene konnten aufgebaut, Vorgespräche geführt, Materialien und Literatur gesammelt und gesichtet werden.
Die regelmäßige Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen und Ausstellungseröffnungen der einschlägigen Galerien, Institute und Akademien eröffnete einen Überblick über die lokale Kunstszene und ihrer Strukturen. Kontakte zu Künstlern und Kulturschaffenden Sri Lankas, welche das aktuelle Geschehen maßgeblich prägen, konnten hergestellt werden. Diese Situation ermöglichte eine gezielte Auswahl der Interviewpartner/innen hinsichtlich Ausbildungshintergrund, Sozialisation, Arbeitsweise und Stilrichtungen. Alle ausgewählten Künstler/-innen genießen sowohl lokale als auch internationale Anerkennung. Die englische Sprache erwies sich – bis auf eine Ausnahme - als ausreichend für die Kommunikation. Die organisatorischen Vorarbeiten zur Datenerhebung wurden geschaffen, Interviews durchgeführt und entsprechendes Bildmaterial gesammelt.
Eine Szene zeitgenössischer Kunst und Kultur begann sich v.a. in den 80er und 90er Jahren verstärkt zu entwickeln: Vor allem seit 1994, dem Zeitpunkt der Regierungsbildung durch Chandrika Kumaratunga Bandaranaike, hoffte man auf eine Lösung der Konflikte und auf eine Beendigung des Bürgerkrieges.
Galerien entstanden (Heritage Gallery, Barefoot, Mountcastle), Ausbildungsstrukturen (wie die Vhibavi Academi of Fine Arts) wurden etabliert, Möglichkeiten des künstlerischen Diskurses erprobt, wie z.B. in internationalen Künstlercamps, Diskussionsforen etc.. Mit bedingt durch die Öffnung des westlichen Kunstmarktes fanden sri lankische Künstler international Anerkennung.
Die aktuellen Entwicklungen in der Kunstszene sind auf dem Hintergrund einer historisch brisanten Situation von einer starken Dynamik geprägt und für den westlichen Blick gewinnbringend: Sri Lanka kann als Beispiel für ein asiatisches Land in einer post-kolonialen Phase gelten. In einem Spannungsfeld von inneren Konflikten einerseits und Globalisierungsbestrebungen andererseits verändern sich die gesellschaftlichen Strukturen, die Kunstszene der 80/90er Jahre spielt dabei eine wichtige Rolle.
Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen Künstler/innen, welche diese Kunstszene in Schlüsselpositionen prägen, aus verschiedenen internationalen Ausbildungs-zusammenhängen kommen und durch besonders interessante Arbeiten aufgefallen sind.
In thematisch orientierten Interviews werden die Kunstschaffenden hinsichtlich ihrer künstlerischen Arbeit und ihres Selbstverständnisses im Bezug auf ihre Rolle als Künstler in der Gesellschaft befragt. Die Auswertung der Interviews wird mit Analysen einzelner künstlerischer Werke in Verbindung gebracht.
Auf diese Weise werden auf verschiedenen Ebenen selbstreflexive Komponenten integriert. Die Wahrnehmung der Forscherin wird den Konzepten der Kunstschaffenden gegenüber gestellt.
Die beteiligten Künstler/innen:
Anoli Perera setzt sich in ihren Arbeiten mit den gesellschaftlichen Veränderungen der postkolonialen Gesellschaft auseinander, besonders mit ihrer Rolle als Frau, Künstlerin und Angehörigen der neuen bürgerlichen Mittelschicht.

Anoli Perera: In the Entangled Web Series (2001), Mixed Media
Chandraguptha Tenuwaras Werk setzt sich v.a. mit dem Bürgerkrieg auf der Insel auseinander. Er hat das Konzept des sog. `Barrelism´ entwickelt, in dem er die Ölfässer, welche vom Militär zum Bau der das Stadtbild beherrschenden Checkpoints benutzt wurden, als Zeichen im Kunstkontext umbesetzt.
Chandraguptha Tenuwara: Barrelism, 1999
Druvinka Madawela arbeitet primär kunstimmanent mit stark persönlichen Bezügen. Sie experimentiert mit traditionellen indischen Maltechniken, die sie in einer Kombination von Öl- und Acrylfarben zu einer innovativen lasierenden Schichttechnik weiterentwickelt, die auf nepalesischem Bambuspapier suggestive Welten entstehen lässt.
Druvinka Madawela, ohne Titel, 2006
Koralegedara Pushpakumar gehört zu einer neuen Generation von Künstlern, die im eigenen Land ausgebildet wurde und durch bemerkenswerte Malereien und Installationen auffiel.
Koralegedara Pushpakumar: Dialog on Life, 2002
Jagath Weerasinghe setzt sich ihn seiner Arbeit mit seiner Rolle als Buddhist, Mann und Singhalese auseinander und war Mitinitiator und maßgeblicher Künstler des ersten Mahnmals in Sri Lanka für die Opfer des aktuellen Konfliktes.
Jagath Weerasinghe, Devine Beings Series, 2001
Zur Person
Sabine Grosser studierte Kunst/Visuelle Kommunikation, Germanistik und Geschichte an den Universitäten Marburg und Kassel. Promotion über Blinky Palermo (Palermo, eine Annäherung an seine Arbeit und deren Rezeption, Peter Lang Verlag FfM, 1996 (zugl. Promotion Universität Gh Kassel)).
Seit 1987 Konzeption, Mitarbeit und Beteiligung an verschiedenen Ausstellungen und Projekten sowie Lehrtätigkeit im Bereich von Sprach- und Kulturarbeit. Von 1997 bis 2002 arbeitete sie als DAAD/Senior Lecturer an der Universität Kelaniya (Colombo). In 2004 war sie als Forschungskoordinatiorin für die Kollegs ‚Lehren und Lernen mit neuen Medien’ und ‚Ästhetisches Lernen’ zuständig.
Während ihres Aufenthaltes in Sri Lanka entwickelt sie ihr Habilitationsprojekt zur zeitgenössischen Kunst und Erinnerungskultur des Landes, an dem sie zur Zeit gefördert von der Lise Meiter Stiftung angegliedert an das Fach Kunst der Universität Paderborn arbeitet.
Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der modernen und zeitgenössischen Kunst und Kultur, insbesondere Rezeptionstheorien, Bildtheorien sowie zeitgenössische Kunst und Erinnerungskultur im Kontext kultureller Globalisierung.
Veröffentlichungen
Die ersten bekannten sri lankanischen Künstler der Gruppe 43, welche kurz nach der Unabhängigkeit von England die Grundlage und Anstoß für eine Kunstproduktion in diesem Land gelegt haben und bis heute zitiert werden und prägen werden ausgeschlossen, da ihre Arbeitsbedingungen noch vom kolonialen Kontext und Umfeld geprägt waren. Auch wenn in dieser Zeit internationale Kontakte besonders zu Frankreich und England intensiv und prägend waren, so sind die Verhältnisse doch von den aktuellen sog. `Globalisierungstendenzen´ zu unterscheiden.