Michael Guggenheim, Bernd Kräftner, Judith Kröll (Wien, Zürich)
Ethnographie als hauptsächlich sprachliche Praktik der Theoretisierung und Abbildung sozialer Prozesse agiert in einem gesicherten und wohletablierten Raum. Die präferierten Mittel dazu sind Fotographie, Film und die Ausstellung von Artefakten (Sachkultur), wohl nicht zuletzt auch wegen des ihnen zugeschriebenen Authentizitäts- und Wahrheitswertes. Sobald sie in den Raum anderer Medien und Öffentlichkeiten eintritt, ist sie damit konfrontiert neue (Bild-)Formen zu finden. Der Grund ist nicht zuletzt in der Notwendigkeit gegebenen, bei der Dokumentation und Darstellung Diskretion walten zu lassen.
In unserer Präsentation wollen wir anhand zweier Beispiele der Frage nachgehen, wie und ob sich „scheinbar schwierig zu dokumentierende Phänomene ethnographisch in Ausstellungen „diskret“ oder „vertraulich“ dokumentieren lassen. Was bedeutet Diskretion überhaupt und zu welchen Darstellungen führt sie? Behindert sie das Vertrauen in das Material oder das Verlangen nach Authentizität? Oder öffnen sich unerwartete Möglichkeiten der Darstellbarkeit?
In beiden Fällen handelt es sich um soziale Phänomene, die aufgrund ihrer Politisierung und ihrer moralischen Komplexität den Einsatz von weniger abbildhaften Medien erfordern. Beide Projekte wurden im Rahmen der „wahr/falsch inc.“ ausgestellt. „Die wahr/falsch inc.“ ist eine „Wissenschaftsausstellung in der Stadt“, die vom 2. Juni bis zum 15. Juli 2006 in Wien stattfand. Das erste Projekt „Was ist ein Körper / eine Person?“ wurde von der Gruppe Xperiment! (Bernd Kräftner, Judith Kröll und Isabel Warner) ausgearbeitet und nach den Ausstellungen „Making Things Public“ im ZKM/Karlsruhe und „Art that Works“ in Belgrad im Rahmen der wahr/falsch inc. gezeigt. Das zweite Projekt „Büro für wissenschaftliches Strandgut“ wurde vom Recherche- und Kuratorenteam der wahr/falsch inc. (Michael Guggenheim, Bernd Kräftner, Judith Kröll und Alexander Martos) für die wahr/falsch inc. initiiert.
Das erste Beispiel ist das Projekt „Was ist ein Körper / eine Person? – Forschungszentrum für geteilte Inkompetenz.“ Hierbei handelt es sich um eine 1 1/2 jährige Ethnographie, von Künstlern und Wissenschaftsforschern auf einer Wachkomastation, die Interaktionen zwischen Ärzten, Pflegepersonal, Angehörigen und Wachkomapatienten dokumentiert. Die Dokumentation solcher Vorgänge ist problematisch, weil hier Entscheidungen in sehr kleinteilige und kurzfristige Praktiken und Ereignisse eingelagert sind, wie Waschen, Füttern, Umlagern etc. In dem Projekt wurden Interaktionen seriell fotografiert und dann auf eine lange Doppelmembran in Sequenzen gezeichnet und gemalt. Die Bilder sind sequentiell, jedoch nicht-linear und ermöglichen es damit unterschiedliche Varianten von Handlungsabläufen und ihre Kommentierung durch unterschiedliche Akteure zu verstehen. Sie umgehen damit auch die Problematik die sich mit der Abbildung von in der Öffentlichkeit schwierig zu handhabenden Bildern (Hilflosigkeit, Scheu, Ekel, überbordende Empathie, Schuldgefühle angesichts von Schwertsbehinderung etc.) ergeben.
Sie ermöglicht es zudem, in Form der Malerei ein Medium zu finden, das nicht einfach abbildet, sondern die Sprachlosigkeit der Akteure aufnimmt. (auch der Pfleger, und Ärzte), eine Sprachlosigkeit, die jedoch ein Teil der epistemischen Praxis der Beteiligten ist.
Das zweite Projekt mit dem Titel „Büro für wissenschaftliches Strandgut“ wurde mit einer Gruppe von wissenschaftlich ausgebildeten Asylwerbern und anerkannten Flüchtlingen erarbeitet. Die ursprüngliche Idee war die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Asylwerbern mit hoher Ausbildung zu dokumentieren und auszustellen. Teil des Projektes war auch die Gründung des Vereins „Researchers without Borders“ dessen Ziel es ist, auf die Lebensbedingungen der Büromitglieder aufmerksam zu machen und diesen die Kontinuität ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu ermöglichen.
Die Arbeit des „Büros für wissenschaftliches Strandgut“ stellt die Praktiken der Ethnographie in vielerlei Hinsicht in Frage. Sie erscheint einerseits als ein Beispiel klassischer anwaltschaftlicher Interventionsforschung, nur operiert sie in einem völlig anderen Raum. Es sind hochqualifizierte Wissenschafter, selbst Soziologen, Sprachwissenschafter, Juristen und Ingenieure, die ihrerseits auf die Ambitionen der Ausstellungsmacherinnen reagieren. Es handelt sich also nicht nur um eine Dokumentation der Arbeit der Asylwerber, sondern ebenso sehr um eine Ethnographie der österreichischen Gesellschaft durch die Asylwerber, um ihre Sicht und ihre Interpretation, wie die Arbeitsmarktpolitik europäischer Staaten Asylwerber beeinflusst. Schliesslich wird die Frage der Ethnographie wesentlich erweitert, indem das Projekt allein durch seine in Form des Vereins auf Dauerhaftigkeit angelegte Existenz sich aus einem dokumentarischen in eine organisationales und performatives Format bewegt.
Von den unregelmäßigen Zusammenkünften einer heterogenen multilingualen und multidisziplinären Gruppe ist aus Gründen der Diskretion keine audiovisuelle Dokumentation vorhanden. In der Ausstellung selbst sind nur Spuren dieser Arbeit zu sehen. Jene Zertifikate, die diese Personen zu hochqualifizierten Migranten machen, bilden das zentrale Element in einem schmucklosen Bürocontainer, der auf einem öffentlichen Platz steht. Das Ausstellungsprojekt lebt durch die Anwesenheit der Beteiligten und der entsprechenden (medialen) Reaktionen.
In der Präsentation werden die beiden Projekte vorgestellt und der Entstehungsprozess in Bezug zum Werk gestellt. Dabei fragen wir danach, wie sich hier unkonventionelle künstlerische Mittel zur Tradition ethnographischer Ausstellungen und zum Problem diskreter Ethnographien verhalten.
Zur Person
Michael Guggenheim ist Soziologe und arbeitet am ethnologischen Seminar der Universität Zürich.
Bernd Kräftner ist Mediziner und arbeitet am Forschungszentrum für geteilte Inkompetenz.
Judith Kröll ist Soziologin.
Alle drei zusammen bildeten zusammen mit Alexander Martos das Recherche- und Kuratorenteam der wahr/falsch inc.