Ulrich Hägele (Uni Tübingen)

Ethnographische Surrealisten und visuelle Ethnographen.
Zum Verhältnis von Kunst, Fotografie und Feldforschung in Frankreich 1930 bis 1940

Im Gegensatz zu den Volkskundlern in Deutschland gingen die Ethnologen in Frankreich in den 1920er und 1930er Jahren von einem weitgefaßten Kunst- und Kulturbegriff aus. Als wissenschaftlich relevant galten die ‘schönen’ Dinge aus der klassischen Hochkunst genauso wie ‘normale’ Objektivationen aus dem alltäglichen Gebrauchzusammenhang. Das Sprachrohr der französischen Ethnographen, die Zeitschrift "Dokuments", veröffentlichte Fotografien des Schlachthofes La Villette von Eli Lotar aber auch illustrierte Texte über das "akademische Pferd", das Auge oder über Fabrikschornsteine. Dementsprechend wenig Berührungsängste hatten die Ethnographen mit der Pariser Kunstavantgarde – Ethnograph Michel Leiris war nach eigenen Angaben im Jahr 1924 selbst Surrealist geworden.

Die Mitarbeiter des Pariser Musée d’Ethnographie du Trocadéro, unter ihnen Marcel Griaule, André Schaeffer, Paul Rivet, Georges Henri Rivière und Leiris, entwickelten für ihre Feldstudien ein methodisches Instrumentarium, das sich an theoretischen Texten der zeitgenössischen Künstleravantgarde orientierte. Einen großen Einfluß hatte insbesondere der Bauhaus-Lehrer László Moholy-Nagy. Sein rational-possitivistisches Wissenschaftsverständnis, dem gemäß das wissenschaftliche Feld in Form von Tatbeständen visuell zu fixieren sei, wurde von den französischen Ethnologen aufgegriffen. Zugleich betrachteten die Pariser Forscher Surrealismus und Ethnographie, diese beiden scheinbar disparaten Felder von Kunst und Wissenschaft, als zwei Seiten einer Medaille – untrennbare und doch grundverschiedene Muster der modernen Gesellschaft.

Während die Surrealisten sich die Metropole Paris als bevorzugtes Betätigungsfeld aneigneten, suchten die Ethnologen vom Musée de l’Homme im interdisziplinären Austausch, die Kultur in außereuropäischen Regionen einer Entmystifizierung zu unterziehen – ein dokumentarischer Ansatz, dem freilich ein kulturimperialistischer Impetus anhaftete. Die Surrealisten und die Ethnographen bildeten schließlich eine ‘unmögliche Mischung’, die Michel Leiris im Rückblick weniger an der Vielfalt der beteiligten Disziplinen festmachte, als an den egozentrischen Befindlichkeiten der Protagonisten.
Der Vortag fokussiert Ergebnisse eines DFG-Projekts über die fachgeschichtliche Rezeption des Mediums Fotografie in den ethnologischen Disziplinen. Er zeigt am Beispiel der Graffiti-Kunst, wie die zeitgenössische Avantgarde und die ethnographische Bewegung in den 1930er Jahren ineinander griffen. Vorgestellt werden methodologische Neuerungen in der Feldforschung, die nach 1945 die Ethnologie und die Volkskunde in Europa und darüber hinaus entscheidend beeinflussen sollten.

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