Sabine Hess, Marion von Osten, Regina Römhild & Peter Spillmann (Frankfurt, Berlin, Köln, Projekt: TRANSIT MIGRATION)

Die Kunst des Regierens
Interdisziplinäre Positionen aus einem Projekt zur Erforschung und Repräsentation des EU-europäischen Grenzregimes

In der Theorie sind Kunst und Ethnographie nicht weit voneinander entfernt; sie berühren sich mindestens bei der Frage, wie Wirklichkeit dargestellt, reflektiert, interpretiert werden kann. Zuletzt entwickelten sich daraus Konvergenzen hinsichtlich einer Repräsentationskritik, die den Anspruch eines professionell autorisierten Abbildens und Beschreibens von Wirklichkeit grundsätzlich in Frage stellte und  den Beitrag dieser Verfahren zur Herrschaft von Diskursen und Blickregimen analysierte.

Von diesem gemeinsamen theoretischen Ort aus entstand die Zusammenarbeit von Kulturproduzent/innen, Kultur- und Sozialwissenschaftler/innen im Projekt TRANSIT MIGRATION. Ausgehend von einer kritischen Analyse des vorherrschenden Bildes der „Festung Europa“ und der Opferrolle, die Migrant/innen darin vorzugsweise zugewiesen bekommen, kehrten wir den Blick um. Wir fragten nach der Rolle der Bewegungen und Taktiken der Migration für die Entstehung eines neuen europäischen Grenzregimes, für die Entstehung einer neuen „Kunst des Regierens“, die selbst taktisch, flexibel und transnational auf die ständige Herausforderung der Migration zu reagieren gezwungen ist. Für diese Perspektive und ihre empirische Einlösung experimentierten wir mit kulturtheoretischen, ethnographischen und künstlerischen Mitteln, wobei der ethnographisch geschulte, reflexive Blick auf die Praxis der Akteure und gleichzeitig die Notwendigkeit einer über den ethnographischen Lokalismus hinausreichenden Imagination des Forschungsfeldes zentral wurde.

TRANSIT MIGRATION arbeitete in der Forschung und auch bei der Entwicklung neuer Repräsentationsformen der Bewegungen an den Grenzen Europas interdisziplinär. So entstanden aus der gemeinsamen Forschungsarbeit eigene Produktionen für die Kölner Ausstellung „Projekt Migration“ auf der Grundlage von ethnographischen, sound-, computer- und videokünstlerischen Darstellungsmethoden.

Nach einer kurzen dialogischen Darstellung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der theoretischen und methodischen Zugangsweisen werden wir anhand zweier Beispiele  – der virtuellen Kartographie des Grenzregimes „MigMap“ und der Soundinstallation „Grenze“ – unsere Erfahrungen mit diesem interdisziplinären Experiment vorstellen und darauf befragen, ob und wie durch diese Praxis die Erkenntnis- und Ausdrucksmöglichkeiten von Ethnographie und Kunst produktiv erweitert werden können.

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