Jokinen / Gordon Uhlmann (Hamburg)

Blicke umkehren: Das Denkmalensemble des "Afrika-Forschers" und Kolonialgouverneurs Wissmann als postkoloniales Debatten-Mahnmal im öffentlichen Raum

Das 2004/2005 von mir präsentierte, beteiligungsorientierte Kunstprojekt afrika-hamburg.de (http://www.afrika-hamburg.de) beschäftigte sich mit der Geschichte und Symbolik des umstrittenen, wilhelminischen Kolonialmonuments Hermann von Wissmanns (1853-1905), das als Sockelfigur einen afrikanischen Askari-Soldaten zeigt, der zu seinem „weißen Herrn“ emporblickt.

Das Denkmal hat eine bewegte Geschichte: Es ist zwischen den Kontinenten gereist, mehrere Male gestürzt und immer wieder neu kontextualisiert worden, zuletzt im Zuge der postkolonialen, studentischen Auseinandersetzungen 1968. Nach 30 Jahren holte ich das vergessene Standbild aus dem Keller und stellte es für 14 Monate im öffentlichen Raum am Hafen Hamburg zur Diskussion.

Auf der Webseite www.afrika-hamburg.de wurden Menschen eingeladen, in einem Forum zu diskutieren und abzustimmen, was mit dem Denkmal weiterhin geschehen soll. Dort wurde kontrovers und leidenschaftlich über das Standbild, die Kolonialgeschichte Deutschlands und Hamburgs debattiert (http://www.afrika-hamburg.de/debatte.php).

Denkmäler sind „politische Körper“ (Bojana Pejic), neuralgische Punkte, an denen sich Emotionen verdichten, wie Verehrung oder Hass. afrika-hamburg.de dokumentiert sowohl kollektive Erinnerungsspuren und -lücken als auch fortwährende koloniale Mentalitäten. Das Projekt kreiert eine ästhetische Situation für ein neues Verständnis (post)kolonialer Strukturen. Es kehrt den Blick kritisch um vom Beobachteten auf den Beobachtenden. Und es verknüpft den neu untersuchenden Blick auf den „Afrika-Forscher“ und Kolonialisten wie auf sein Denkmal mit der Sichtbarmachung aktueller Wahrnehmungen, der eröffneten Selbstvergewisserung und Einflussnahme der Rezipienten, die im Projektverlauf diskursive Spuren hinterlassen. Diese Kommunikationsspuren, die nun auf der Webseite http://www.afrika-hamburg.de dokumentiert sind, sind das eigentliche künstlerische Ergebnis.

Kunst vermag Blicke umzukehren und ist ständig dabei, Bilder neu zu deuten. Das Ephemere und Imaginative rücken in den Mittelpunkt, Irritation tritt an die Stelle von vermeintlicher Gewissheit. Das partizipative Projekt afrika-hamburg.de hinterfragt hartnäckige Mythen, die Kolonialdenkmäler als eherne Körper transportieren und untersucht Spuren und Beschädigungen gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, die an deren Oberflächen konkret ablesbar sind. Es spürt (post)kolonial gerichtete Blicke und Bildwelten auf und eröffnet neue Wahrnehmungen. Konstruktionen von „Schwarz“ und „Weiß“ werden mit Methoden der Kunst einer Durchschaubarkeit zugeführt, der Intervention und öffentlicher Partizipation ausgesetzt sowie der fortlaufenden Dokumentation unterzogen. Im öffentlichen Raum werden diese zum Stadtgespräch. Der Stadtraum wird als Teil eines Erinnerungstopos erfahrbar, und die Kolonialdenkmäler - diese artefacts trouvées - werden künstlerisch „mythographisch“ untersucht und in den ästhetischen Diskurs gebracht. Ein weiterführendes Projekt Park Postkolonial sowie ein europäisch vernetzendes Vorhaben sind in Planung.

In meinem Beitrag werde ich auf das Bewegt-Bildhafte des Wissmann-Denkmals und seine möglichen und tatsächlichen Symbolikverschiebungen eingehen. Der partizipative Projektprozess wird vorgestellt und anhand einzelner Bilder vor Ort und Kommentaren aus dem Debattenforum anschaulich gemacht. Schließlich geht es um künstlerische Methoden, die einen temporären, öffentlichen Raum und eine dialektische Situation für Dissens und Debatte herstellen. Die körperliche Erscheinungsform, die Figurativität der Kolonialdenkmäler dient als Impulsgeber für eine stadtweite Debatte, die zum eigentlichen Kunstgegenstand wird.  Die Blicke werden umgekehrt vom beobachtenden und Sichtweisen ausrichtenden „Afrikaforscher“ und Kolonialeroberer zum beobachteten und neuer öffentlicher Deutung ausgesetzten Kolonialdenkmal mit seinen Konnotationen. Das wilhelminische Denkmal ist zugleich ein europäisch-imperial geprägtes Monument, an das ähnliche methodische Fragen gestellt werden können, wie sie beispielsweise kunstethnonologische Untersuchungen an afrikanische Masken stellen.

Zur Person

JOKINEN, geboren in Helsinki, Finnland; Studium der Kunst, Kulturpädagogik und des Kulturmanagements. Seit zwanzig Jahren als bildende Künstlerin in Hamburg und international tätig.
Zahlreiche Ausstellungen in Deutschland, England, USA, Polen, Ungarn

Veröffentlichungen

Zahlreiche Veröffentlichungen von Photographien in Zeitschriften und Zeitungen

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