Katrin Klitzke (HU Berlin)

Künstlerische Raumpraktiken Berliner Street Art-MacherInnen – Von der Alltagsroutine zur Selbstprofessionalisierung?

Großstädte sind seit jeher Experimentierfelder für künstlerische und popkulturelle Szenen. Diese prägen das visuelle Erscheinungsbild der Metropolen entscheidend mit. Seit einigen Jahren gesellen sich zu den illegalen Graffiti neue Bilder und Symbole hinzu. Diese künstlerischen Eingriffe in die Großstädte werden gemeinhin als Street Art bezeichnet.

Berliner Street Art-MacherInnen bedienen sich verschiedenster künstlerischer und kultureller Praktiken aus anderen Genres und integrieren diese in ihren eigenen Sinnzusammenhang. In meinem Vortrag möchte ich zwei dieser Praktiken vorstellen: den Wahrnehmungsspaziergang und das Kartieren von Street Art.

Alltägliche Handlungen – das Gehen durch die Stadt, das Sehen, Wahrnehmen der Gebäude, der Reklame, der Straßenschilder usw. – gewinnen im Kontext von Street Art eine spezifische Be-deutung. Die AkteurInnen durchstreifen für mehrere Stunden ihren Kiez, lassen ihren spezialisierten Blick zugunsten ihrer Objekte, die sie in den Stadtraum integrieren wollen, umherschweifen. Die MacherInnen orientieren sich dabei anhand der Raumstrukturen, der Möglichkeiten und Verbote, die der Raum vorgibt und erkunden diesen ausgiebig. So werden sie zu RaumexpertInnen. Untereinander werden die gesammelten Informationen ausgetauscht und diskutiert, für spätere gemeinsame Erkundungen werden Verabredungen getroffen und Wegstrecken durch den Kiez vereinbart.

Das Ausstellen in Galerien und veranstalten von legalen Aktionen haben ebenso wichtige Szene-konstituierende Funktionen. Dies scheint auf den ersten Blick der illegalen Praktik des Installierens von Objekten im öffentlichen Raum zu widersprechen, betrachtet man jedoch den sozio-kulturellen Hintergrund der AkteurInnen klärt sich der vermeintliche Gegensatz. Denn viele der von mir befragten KünstlerInnen studieren Grafikdesign, Kommunikationsdesign und andere Fächer mit künstlerischem Schwerpunkt. Das Präsentieren von Objekten und Organisieren von Ausstellungen ist Teil ihres Berufsfeldes und Street Art-Ausstellungen stellen hier neben der Vernetzung mit anderen AkteurInnen eine Möglichkeit dar, das erlernte Wissen zu professionalisieren.

In meinem Vortrag möchte ich zum einen aufzeigen, wie klassische wissenschaftliche Methoden und Erkenntnisinstrumente der Stadtsoziologie und -ethnografie im Kontext von Street Art zu künstlerischen Praktiken umfunktioniert werden. Zum anderen möchte ich diskutieren, in wie weit diese Praktiken den KünstlerInnen als Professionalisierungsstrategien dienen und vor allem dazu Street Art in der Öffentlichkeit aufzuwerten. Denn im Rahmen größerer, publikumswirk-samer Ausstellungen gehören geführte Stadtspaziergänge und themenspezifische Stadtkarten zum Angebot für die BesucherInnen.

Zur Person
Katrin Klitzke absolvierte im Jahr 2000 einen Bachelor of Arts in Soziologie an der University of Sussex, England. Von 2001 bis 2006 studierte sie Europäische Ethnologie, Soziologie und Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Mit dem Thema Street Art als urbane kulturelle Praxis erlangte sie im Juni 2006 ihren Magisterabschluss. 

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