Judith Laister (IFK Wien)

Andere Bilder. Visuelle Strategien gegen Blick-Macht und Othering

Die Writing-Culture-Debatte der 1980er Jahre markiert im Bereich der Ethnologie und Kulturanthropologie eine Wende. Wieder einmal wurde eine Krise, von manchen gar das Ende der ethnographischen Repräsentation ausgerufen. Die Darstellung der „Anderen“ im wissenschaftlichen Text steht seither im Verdacht der subjektiven Konstruktion und hegemonialen Aneignung. „Beyond Malinowski and After Writing Culture“ (George Marcus, 2003) werden ausgehend vom angloamerikanischen Raum epistemologische und methodische Antworten auf die Krise der ethnographischen Repräsentation diskutiert, dialogische Recherche- und polyphone Repräsentationsstrategien erprobt oder transdisziplinäre Wege in Richtung künstlerisch-performativer Methoden beschritten.

Parallel zur selbstreflexiven Kritik an der wissenschaftlichen Erfindung und Fixierung der „Anderen“ lässt sich ein Bedeutungsgewinn der visuellen Ethnographie beobachten. Die Ursachen dafür liegen nicht nur in neuen Bildtechnologien und dem Aufstieg der Cultural bzw. Visual Culture Studies begründet, sondern werden auch in Zusammenhang mit der Writing-Culture-Debatte diskutiert. Seit Objektivität und Legitimität ethnographischer Texte bezweifelt werden, hat auch das positivistische Misstrauen gegenüber dem fiktiven Gehalt des Bildes seinen Nährboden verloren. Die Mehrdeutigkeit von Bildern wird in der Ethnographie als Qualität entdeckt und der Einsatz visueller Verfahren in Feldforschung und Repräsentation zunehmend als Möglichkeit betrachtet, die „Anderen“ (selbst) sprechen und blicken zu lassen. Die machtkritische Frage des visuellen “Othering”, also der selbstvergewissernden „Veranderung“ durch Abbildung, spielt dabei eine zentrale Rolle. Gleichzeitig wächst im Zuge der zeitgenössischen „Bilderflut“ die Aufmerksamkeit gegenüber visuellen Produkten – sowohl künstlerischen als auch alltagskulturellen – und deren Bedeutung für das Leben der Menschen.

An dieser Schnittstelle lohnt der Blick über die disziplinären Grenzen in Richtung künstlerischer, kunsttheoretischer und bildwissenschaftlicher Ansätze, da nicht nur ein „Pictorial Turn“ im ethnographischen Bereich, sondern auch ein „Ethnographic Turn“ im Bereich der Gegenwartskunst zu konstatieren ist. Das Interesse am fremden, aber auch am eigenen Anderen und Alltäglichen, an Identität und Alterität, Dialog und Differenz erlebt seit den 1980er Jahren ebenso einen Aufschwung wie die Adaption ethnographischer und dokumentarischer Methoden. Mit dieser Wende zum kulturell bzw. sozial „Anderen“ und „Eigenen“ im Feld geht eine – vor allem von Michel Foucault sowie den Cultural und Postcolonial Studies geprägte – kunsttheoretische Diskussion über die Macht des Blickens und Zeigens einher. Entscheidend ist dabei die machtpolitische Frage, inwiefern ethnographische Themen und Techniken ein Blickregime fördern, das zur Reproduktion lokaler bzw. globaler sozialer Ungleichheiten beiträgt. Der Vortrag „Andere Bilder“ fragt nach repräsentationskritischen Strategien und Diskursen in der Gegenwartskunst, wobei Ideentransfers und methodische Überlappungen zwischen Ethnologie / Kulturanthropologie und Kunst fokussiert werden.

Zur Person

Judith Laister , Studium der Volkskunde/Kulturanthropologie und Kunstgeschichte in Graz. Im WS 2006/07 Research Fellow am IFK Wien, Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften.

Der Inhalt des Vortrags ist Teil meines Forschungsvorhabens als Research Fellow am IFK Wien (Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften); Thema: „Feldforschung und Fiktion. Blick-Kontakt und Bild-Transfer zwischen Kunst und Kulturanthropologie“.

Kontakt:

Dr. Judith Laister, IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien, laister@ifk.ac.at

 

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