Anna Neusüß (Berlin)
In der Naiven Kunst vereinen sich ethnographische und kunsthistorische Bezüge.
Die Entdeckung der Naiven ist der Modernen Kunst zu verdanken. Der bekannteste Naive Künstler Henri Rousseau gehört heute in die Riege der etablierten modernen Künstler. Auch die nach und mit ihm entdeckten anderen Naiven werden von der Kunstwelt immer wieder rezipiert und als genuine Kunst eingestuft.
Gleichzeitig wird Naive Kunst oft mit der Volkskunst vermengt. Dies liegt vor allem daran, dass diese Kunst von Menschen geschaffen wird, die keinerlei Ausbildung im klassischen Sinne genossen haben. Sie sind meist Handwerker oder Landarbeiter und ihre Lebensumstände sind geprägt von traditionellen Wertbezügen. Insofern stellen ihre Kunsterzeugnisse auch wichtige Kulturdokumente dar.
Naive Kunst entspringt der Popularkultur, findet ihre Berechtigung aber in der Hochkultur. Während die moderne Kunst sich gerne in der Popularkultur bedient, beruht das Phänomen der Naiven Kunst auf seiner eigenständigen und von den Disziplinen der Hochkultur nahezu unbeeinflussten Erscheinung. Hier ist die ethnographische Erforschung nicht gewollt sondern unerlässlich für die kunsthistorische Einschätzung. Wird damit der europäische Kunst- und Bildbegriff in Frage gestellt? Welche Zuständigkeiten haben Disziplinen in der Gegenwart?