Jane Redlin (MEK, Berlin)
Annette Kuß hat mit drei Theaterprojekten in den letzten Jahren auf sich aufmerksam gemacht. 2003 mit der Inszenierung „Happy Hour. Projekt über das Jüngern“ über den Kampf um Schönheit und Vitalität, 2005 mit einem Tanzprojekt zu Demenz und Alter und 2006 mit einer Studie über das Leben Prostituierter in einem Bordell.
Für die Konstruktion der Bilder vom Anderen und Eigenen bediente sich die Künstlerin ethnologischer Methoden der Feldforschung, insbesondere des Gesprächs mit „Gewährsleuten“. Ihre Inszenierungen können als eine Form dichter Beschreibung verstanden werden. Die erzählten Einzelgeschichten in ihrer bildhaft szenischen Umsetzung stehen dabei für allgemeine, strukturelle Verweise auf gesellschaftliche Praxen.
Allen drei Projekten gemeinsam ist nicht nur der Finger in der Wunde gesellschaftlich tabuisierter Themen, sondern die Konstruktion von Bildern des sozialen Lebens mit den Betroffenen selber und die Aufführung an authentischen Orten des damit verbundenen Lebensvollzugs. Die Regisseurin arbeitete dafür mit Dementen, mit vom Alter konfrontierten Tänzerinnen, mit Prostituierten und deren Freiern zusammen, aber auch mit Schauspielern, welche die künstlerischen Professionalität der Aufführung erbringen und garantieren.
Verstärkt wird die Nähe zum sozialen Alltag der Betroffenen durch die Authentizität der Spielorte, für die Annette Kuß bewusst die traditionelle Bühne verlässt, die ihr nur noch pro forma Schutz bietet. Bei ihr werden die CITY Tanzschule und das Fitnesscenter TheraFit in Moers und das Freudenhaus Hase in Berlin zur neuen Bühne.
Der Vortrag will die methodischen Zugänge der Künstlerin verfolgen, die Schnittstellen zwischen Ethnographie und Kunst vorstellen und offen legen. Gleichzeitig will er Reflektionen darüber anstellen, inwieweit die künstlerischen Intentionen der Regisseurin die Projekte formten, die Empirie dabei überhöhten und verlassen haben. Darüber hinaus wird der Frage nachgegangen werden, ob und wie es ihr gelungen ist, soziale Bilder des Alltagslebens zu beschreiben und zu vermitteln. In diesem Kontext wird auch die Frage zu beantworten sein, ob und auf welche Weise solche künstlerischen Arbeiten wie die von Annette Kuß das ethnologische Erkenntnisinteresse unterstützen und befördern können.