Aurora Rodonò (DOMiT: Dokumentationszentrum und
Museum über die Migration
in Deutschland
e.V., Köln)
Obwohl die transnationale Gesellschaft eine sozial-politische
Realität ist, werden Migrationsprozesse auch heute noch
weitgehend als Bedrohung der „deutschen” und
„europäischen” Kultur angesehen. Tagaus tagein
finden skandalisierende Bilder - in der Tradition jener
„das-Boot-ist-voll-Bilder” - Eingang in unsere Wohnzimmer
und erschweren es somit, Migration als universalgeschichtliches
Phänomen zu lesen. Die unspektakuläreren
(Alltags-)Geschichten der MigrantInnen finden dabei kaum Eingang in
die
großen Erzählungen; sie bleiben zwischen den
Zeilen privater „Familienromane” verborgen. Die
Geschichte (n) der MigrantInnen sichtbar zu machen, den Blick auf
Migration umzukehren und sie als eine der zentralen Kräfte
gesellschaftlicher Veränderungen zu lesen, ist eine wichtige
Voraussetzung für die Arbeit des Dokumentationszentrums DOMiT.
Gewissermaßen eine „Archäologie der Gegenwart”
betreibend haben die Mitarbeiter um DOMiT Ende der 1980er Jahre
angefangen, persönliche Erinnerungen und Erinnerungsstücke,
Fotos und Dokumente von MigrantInnen auszugraben. Enstanden ist eine
umfangreiche sozial- und kulturgeschichtliche Sammlung, die
vornehmlich aus historischen Quellen (auch Interviews in den
jeweiligen Herkunftssprachen) migrantischer Provenienz besteht. In
diesem Sinne steht DOMiT für eine politisch-historische
Intervention in den Erinnerungsdiskurs, die dazu einlädt,
zentrale Kanonisierungsstrategien auf ihre Stichhaltigkeit hin zu
befragen.Den Blick auf das Format „Migrationsmuseum”
richtend ist die Realisierung von Ausstellungen eine der
Hauptaktivitäten von DOMiT. So wurde die Kölner Ausstellung
„Projekt Migration”, ein Intitiativprojekt der
Kulturstiftung des Bundes, zu einem großen Teil mit
dokumentarischen Exponaten aus der Sammlung des DOMiT-Archivs
bestückt, die den künstlerischen Positionen dialogisch
gegenüber standen. Der Graben zwischen Gebrauchsgegenstand und
Artefakt war hiermit aufgehoben.
Ausgehend von dieser interdisziplinären Visualisierungspraxis fragt dieser Beitrag nach der Darstellung von Migrationsgeschichte in Ausstellungen und Museen und stellt dabei Kritiken an der Ausstellung „Projekt Migration” und Erfahrungen aus vorherigen DOMiT-Ausstellungen zur Diskussion. Aus der Sicht einer Migrantenselbstorganisation wird die Überführung von Migrationsgeschichte in den Kunstkontext reflektiert und darüber nachgedacht, wie sich künstlerische und historiographische Ansätze zueinander verhalten. Daran knüpft die Überlegung an, ob der museale Raum ein geeigneter Ortes für die (Re-) Konstruktion von Migrationsgeschichte ist bzw. welche Charakteristika einem solchen Museum eigen sein müssten. Zum einen geht es also um die Inhalte des kulturellen Gedächtnisses, darüber hinaus aber um die Thematisierung der Speicher- und Darstellungsformen selbst.
Zur Person:
Aurora Epifania Rodonò, M.A., geboren
1970 in Jugenheim/Hessen. Studium der Italianistik, Philosophie und
Kunstgeschichte in Hamburg und Bologna. Diverse Tätigkeiten und
Fortbildungen im journalistischen Bereich (NDR, hamburg:pur, alster
radio, medienbüro Hamburg). In den 1990er Jahren ist sie als
Organisatorin, Moderatorin, Darstellerin und Sängerin in
zahlreiche interkulturelle Projekte eingebunden (Theater, Musik,
Veranstaltungen). Mehrjährige ehrenamtliche Tätigkeit beim
deutsch-italienischen Jugendverein „Giovani d’oggi e.V.“,
Hamburg: hier vor allem die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.
Im Jahre 2001 geht sie für 2 Jahre nach Sizilien, wo sie als
Regieassistentin die Kinofilmproduktion „Andiamo“ (Regie:
Thomas Crecelius) mitrealisiert. Außerdem arbeitet sie als
freie Übersetzerin und Deutsch-Lektorin. Von März 2003 bis
Februar 2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Dokumentationszentrum
und Museum über die Migration in Deutschland e.V. (DOMiT): im
Rahmen des von der Kulturstiftung des Bundes initiierten Forschungs-
und Ausstellungsprojektes „Projekt Migration“ ist sie für
die Erforschung der italienischen Arbeitsmigration in die
Bundesrepublik verantwortlich.
Veröffentlichungen/Übersetzungen zum Thema Migration:
„Un Museo della Migrazione in Germania. C’era una volta il Gastarbeiter. Alla ricerca della memoria storica degli emigrati in Germania“, in: Italiani in Deutschland Sept./Okt., IV, 5/2003
Mobilità come progetto di vita / Mobilität als Lebensentwurf, in: Kölnischer Kunstverein / Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V. (DOMiT) / Institut für Kulturanthropologie der Universität Frankfurt a.M. / Institut für Theorie der Gestaltung und Kunst (Hrsg.): „Projekt Migration“, DuMont Köln 2005, S. 111-18 und 796-99
Übersetzung aus dem Italienischen: „Europa lässt uns nicht träumen“, Rosi Braidotti im Gespräch mit Rutvica Andrijasevic, in: Kölnischer Kunstverein / Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V. (DOMiT) / Institut für Kulturanthropologie der Universität Frankfurt a.M. / Institut für Theorie der Gestaltung und Kunst (Hrsg.): „Projekt Migration“, DuMont Köln 2005, S. 832-35
Aurora Rodonò, Tel. 0163. 615 81 81,
auroraepifania@hotmail.com
Weitere Infos:
DOMiT e.V., Tel. 0221. 800 28 30
www.projektmigration.de;
www.domit.de;
www.migrationsmuseum.de