Judith Elisabeth Weiss (Karlsruhe)
Die legendäre Entdeckerschaft von Stammeskunst, die vor hundert Jahren in die europäische Geschichte der Kunst als Nährboden für die Moderne einging, markiert den Beginn des sogenannten Primitivismus. Matisse, Derain, Vlaminck und Picasso gelten mit ihrem Stöbern auf Flohmärkten und ihren Besuchen von Völkerkundemuseen als die Entdecker afrikanischer und ozeanischer Masken und Figurenplastiken, deren Formensprachen in ihre eigene Kunst einfließen. Der Uminterpretationsprozess einst ritueller Gegenstände in Kunstobjekte wird in Ethnologie und Kunstgeschichte seither kontrovers diskutiert, in jüngster Zeit etwa mit der Eröffnung des neuen Musée du Quai Branly in Paris.
Doch die primitivistische „Ästhetik des Ähnlichen“ erhält in der Kunstproduktion einen doppelten Boden: Seit geraumer Zeit nämlich begegnet man den kritischen, ironischen, oftmals auch humorvollen Stellungnahmen von Künstlern auf den Primitivismus in großen Kunstschauen – es sind die Erwiderungen jener kulturell Anderen, die Wanderer zwischen den Welten sind, deren Wurzeln allerdings einst das künstlerische Substrat der Moderne darstellten. Ihre zum Teil arrivierten Positionen im Weltkunstmarkt vermeiden einseitige Fixierungen und erinnern mitunter an das karnevaleske Saturieren eines Tricksters. Sie provozieren und düpieren den Betrachter, indem sie sich kritisch mit den Ethnographica in europäischen Museen und mit der Obsession europäischer Maler für außereuropäische Artefakte auseinandersetzen. Sie arrangieren Geschichte neu, entlarven das Museum als Ort der Exklusion und entwerfen eine neue Kartographie ohne topographische Festschreibungen. Der Vortrag fokussiert ausgewählte Positionen von Künstlern wie etwa Gordon Bennett, Jimmy Durham, Georges Adéagbo, Fred Wilson u.a.
Zur Person
Studium der Ethnologie, Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft in Mainz und Tübingen, 2006 Promotion in Heidelberg. Volontariat für interkulturelle Kommunikation in Israel, SCI-Projektarbeit in Indien. Seit 2000 wissenschaftliche Mitarbeiterin in Museen in Köln und Karlsruhe, redaktionelle Begleitung von Kunstprojekten. Schwerpunkte: Kunstethnologie, zeitgenössische Kunst, Ausstellungskonzepte, Kulturmanagement, Neue Medien.
Dr. Judith Elisabeth Weiss, Lamprechtstraße 28, D-76 227 Karlsruhe
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